Fukushima

    März
    11

     

    "Der 11.03.2011" oder "Warum Fukushima immer noch gefährlich ist"

     

     

    Heute vor einem Jahr, am 11.3.2011, hielt die Welt den Atem an.
    Eine riesige Flutwelle begrub weite Tele von Japan unter sich.

    Eine Katastrophe wahrhaft biblischen Ausmaßes bahnte sich an. Die Natur schlug erbarmungslos zu und erklärte den Menschen, das sie kleine, unwichtige Wesen sind.

    Aber eine weitaus größere Katastrophe resultierte aus der ersten. Und diese war von Menschenhand gemacht.
    Die Welle überflutete einen Teil der Atomkraftwerke von Fukushima Daiichi und brachte die Stromversorgung zum Erliegen. Der zeitliche Ablauf und das Geschehen läßt sich in dem folgenden pdf-Dokument mittlerweile genau rekonstruieren.

    Fukushima - der genaue Ablauf der Katastrophe (pdf-Datei)

    Das schlimme an der ganzen Sache ist eigentlich nicht nur der Vorfall an sich, sondern das Krisenmanagement seitens der unfähigen Regierung, die in ihren eigenen knöchernen und autoritären Strukturen in Handlungsunfähigkeit erstarrt.
    Die Menschen wurden belogen und betrogen. Es wurden ihnen Märchen erzählt und Hilfe traf, wenn überhaupt, erst viel zu spät ein.

     

     

    Auch heute, ein Jahr nach dem Super-Gau von Fukushima-Daiichi, werden die Menschen immer noch belogen. Nach neuesten Regierungsverlautbarungen wird die Lage im havarierten Kraftwerk als sicher dargestellt.
    Dies mag im Moment zutreffen, aber die Gefahr kommt hier von einer Seite, an die man gar nicht dachte. Und zwar vom Block 4 des AKW.

    Dieser war zum Zeitpunkt des Vorfalles nicht in Betrieb, wie kann da von ihm eine Gefahr ausgehen?

    Die komplette Kernbeladung BE (Brennelemente) von Block 4 befand sich wegen eines anstehenden Kernmanteltausches im BE-Lagerbecken, auch bekannt als Abklingbecken.

    Dieses ist im Block 4 ausgelegt für eine Kapazität von 1590 BE. Momentan befinden sich darin genau 1331 benutzte und 204 noch nicht benutzte BE.

    Ein einzelnes Brennelement besteht aus ungefähr 60 Brennstäben und wiegt je nach Reaktor etwa 170 bis 173 kg.

    Nun hat dieses Becken eine Besonderheit. Es steht sozusagen im ersten Stock des Blockes 4. Etwas unterhalb der Reaktoroberkante. Warum und wieso hat mit dem Be- und Entladen des Reaktors zu tun.

    Siehe schematischer Grundaufbau Mark1 Reactor von General Electric.

    Im Moment steht das Becken nur noch auf ein paar Betonfüßen. Die Wände des Gebäudes sind schon rundherum herausgebröselt.

    Fotos vom zerstörten Kraftwerksblock - man beachte Unit 4

    Das gelbe Teil ist die Containment-Kappe des Reactors und das grüne ist der Rest vom Kran zum Be- und Entladen der Brennelemente.

    Sollte der Fall eintreten, das die Struktur des Beckens weiter geschwächt wird, sei es durch ein weiteres Erdbeben oder durch Materialermüdung, kracht es herunter und zerbricht.
    Dabei läuft das Kühlwasser aus und die 1535 BE liegen frei, erhitzen sich blitzartig und der ganze Mist geht in einer wunderschönen Kernschmelze unter freiem Himmel hoch.
    Oder, noch besser. Verbleibt etwas Wasser im Becken kann bei ca. 800 °C das Zircaloy der Hüllrohre mit dem Wasser in einer exothermen Reaktion reagieren und sich in kurzer Zeit ein explosives Knallgasgemisch bilden.
    Was dann passiert haben wir im Fernsehen live bewundern dürfen. Was das bei 1535 BE bedeutet.... das mag ich gar nicht zu Ende denken wollen.

    Auf jeden Fall kann man sagen: "Sayonara, Japan".

    Experten reden dann nicht mehr von einer 10 oder 20 Kilometer-Schutzzone, sondern von mindestens 250 Kilometern.
    Diese umfaßt dann auch Tokio.

    Tokio hat eine Einwohnerzahl von etwa 9 Millionen. Rund um Tokio liegen aber noch viele andere Ortschaften, auch Millionenstädte.
    Wir reden hier also alles in allem von etwa 35 Millionen Menschen. Was da los geht, wenn die auf einen Schlag ihre Heimat verlieren, kann sich jeder selber ausmalen.

    Zum Vergleich: Die Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg beherbergt etwa 6 Millionen Menschen. Das ist etwa ein Sechstel der Bevölkerung im Großraum Tokio. Und dies beinhaltet nur die südliche Richtung.
    Gehen wir von einem Vollkreis aus, unter guten Bedingungen, kann man von Hanamaki bis Yokohama alles vergessen. Was da noch alles im Meer verschwindet möchte man sich nicht vorstellen.

    Die Tepco-Betreiber wissen sehr wohl von diesem Problem und klappern mit den Zähnen ob der Vorstellung, das dieser Fall eintritt.
    Dennoch stellen sie sich mit einer unglaublichen Unverfrorenheit in die Öffentlichkeit und erzählen doch wirklich allen Ernstes, die Sache wäre jetzt ausgestanden.
    Die nächsten 30 Jahre ist in der Region Fukushima nichts, aber auch gar nichts ausgestanden und alle ihre Götter mögen den Japanern gnädig sein, wenn das Abklingbecken von Block 4 zerbricht.

    Nun kann sich jeder einmal ein Lineal und eine AKW-Karte von Deutschland zur Hand nehmen und die kontaminierte Zone von, angenommen, 150 km, eintragen.
    Eine Karte der derzeit noch laufenden und der abgeschalteten AKW befindet sich unter folgendem Link.

    AKWs in Deutschland

    Wer eine Idee hat, wohin man sich im Super-Gau-Fall verkriechen kann, der möge das mitteilen. Ich habe keine.
    Vom noch laufenden AKW Grohnde bis hier nach Gera sind es etwas mehr als 300 km und vom AKW Grafenrheinfeld, ebenfalls noch in Betrieb, bis Gera sind es ca. 220 km.

    Sollte jetzt jemand auf die Idee kommen, das von den stillgelegten AKW keine Gefahr mehr ausgeht, so befindet der sich in einem gewaltigen Irrtum.

    Die heißen BE aus dem Reaktor befinden sich im Abklingbecken und dort werden sie auch die nächsten 5 Jahre verbleiben, bis sie sich so weit heruntergekühlt haben, das man sie Castoren und Endlagern zuführen kann. Wobei es noch nicht einmal klare Vorstellungen gibt, wo ein Endlager für mittel- und hochreaktives Kernmaterial errichtet werden soll.
    In Japan verbleiben sie sogar bis zu 15 Jahre im Becken, da der Transport zur Entsorgung nicht so einfach wie in Europa organisiert werden kann. Dies erklärt auch die hohe Menge an BE im Becken von Block 4.

    Also sind die abgeschalteten AKW in Deutschland noch immer genau so gefährlich wie die noch laufenden.
    Ein AKW ist erst dann nicht mehr als Gefahr zu betrachten, wenn es abgebaut und komplett entsorgt wird. (Greifswald - ehem. DDR)

    Und bis die Meiler in Deutschland alle vom Erdboden verschwunden sind können wir nur hoffen, das uns ein Fukushima erspart bleibt.

    Hinweis: Ein dauerhaftes Endlager für hochradioaktive Abfälle aus der Kernenergienutzung konnte bislang (2011) weltweit noch nicht errichtet werden. Es existiert also keins!

     

     

    Aktueller Nachtrag: Die Welt nach Fukushima

     

     

 

 

Navigation

Links